Inflation der Fragen
Still und leise machen sich Frage-Antwort Portale auf den Weg, um alle Fragen mit allen Antworten zu versehen.
Lycos IQ und Yahoo! Clever sind zwei Beispiele für großangelegte Laienprojekte, von Nachbarschaftshilfe fürs Nicht-mehr-weiterwissen (beim PC Auseinanderschrauben) über sehr zahlreiche Scherzfragen (Wie kommt es eigentlich, dass jeden Tag genau soviel passiert, dass die Zeitung voll wird?
, Was zählen Schafe,wenn sie nicht einschlafen können?) reicht die Palette bis zu den großen, endgültigen Fragen. Zu letzteren gehört die von Stephen Hawking bei Y! Clever mit großem Medienecho gestellte (How can the human race survive the next hundred years?), deren Auflösung durch Hawking auch die Grenzen der Q&A Portale zeigt. Es geht letzten Endes nicht um die Antworten, auch nicht um die Fragen, es geht um die Diskussion über (im glücklichsten Fall noch) von den Fragen angestossene Themenbereiche. Natürlich werden bestimmte Fragen (die dies zulassen) in den Portalen tatsächlich beantwortet (90% davon weil der Fragesteller zu bequem war, Big G anzuwerfen oder bei Wikipedia nachzuschauen), aber bei diesen wie bei allen anderen Fragen breiten sich Meinungen großflächig aus, wo vorgeblich Wissen zum Platznehmen eingeladen wird.
Unterstützt wird die Tendenz zur belanglosen Absonderung durch automatisierte Belohnungssysteme. die die Besuchsfrequenz der Dienste (1 Punkt pro Besuch/Tag) ebenso wie die aktive Einmischung erhöhen sollen (“eine Frage beantworten: 2 Punkte”). Als Anreiz winkt das Vorrücken auf insgesamt 7 Levels, man kennt das seit Jahren aus zahlreichen Forensystemen.
Mit Foren haben die Q&A Portale vieles gemeinsam, sie kommen unter einem anderen Anstrich mit höherer moralischer Rüstung eingeritten, mir scheinen sie aber nichts neues unter der Community-Sonne, Bassena-Tratsch und Dorfgerüchte, mitunter unterhaltend, oft lähmend langweilig, dann und wann eine wichtige Information zur Horizonterweiterung, dann und wann.
Eins drauf setzt ein anderes Projekt: dropping knowledge :
dropping knowledge is a way of asking and finding
answers to the questions that matter to you.
A global dialog, after all, begins with a single voice…
Bei dropping knowledge werden Userfragen gesammelt, und am 9. September 2006 am Bebelplatz in Berlin von einer erweiterten Tafelrunde von 112 handverlesenen Denkern, Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern, sozialen Unternehmern (?), Philosophen und Humanisten beantwortet (“112 of the world’s most compelling thinkers, artists, writers, scientists, social entrepreneurs, philosophers and humanitarians from around the world”).
Noch sind auf der Webseite nur die über 1000 Nominierten zu finden, einzig nominierter Österreicher darunter Josef Hader (es hätte imho eine schlechtere Wahl getroffen werden können).
Beim hehren Anspruch von dropping knowledge, Brücken zu schlagen, Diskurs anzuregen und generell die Weltprobleme anzusprechen (und Lösungen in Gang zu setzen) stösst die Fetischisierung des riesigen “olympischen” runden Tischs bedenklich auf. Die 112 Denker beantworten 100 Fragen simultan, d.h. jeder Denker spricht auf seinem Platz in eine Kamera samt Mikrophon – ergibt geschätzte 672 Stunden Content, somit den Grundstein für ein Archiv, das in zahlreiche Sprachen transkribiert, übersetzt und in diversen digitalen Formaten zugänglich gemacht werden soll.
Mit dieser Versuchsanordnung – Live Solo Frage-Antwort Stakkato der Superexperten im Sprachlaborsetup sollen die brennendsten Fragen der Menschheit beantwortet werden?
Wo bleibt da der Bassena-Tratsch?
Abgelegt unter: WOW – that’s the web Content |
Zur geschätzten Kenntnisnahme:

Kommentare:
« Italien ist Weltmeister | START | Mein Blog in einer Liga mit Google, Yahoo und MSN »