Beantwortung der Frage: Was ist Twitter?
Ein Freund hat mich gebeten, ihm in aller Kürze und dennoch möglichst umfassend Twitter zu erklären. Es folgt der Versuch einer Annäherung.
Definition
Twitter ist das gegenwärtig am stärksten wachsende soziale Netzwerk. Es wird oft als “Mikrobloggingdienst” klassifiziert, was meiner Ansicht nach für einen Einsteiger wenig hilfreich sein kann, weil es keine Definition sondern lediglich einen Bezug zu einer anderen Unbekannten liefert.
Man kann Twitter auf vielerlei Arten nutzen, eine hilfreiche Definition scheint mir aber dennoch möglich:
Twitter ist ein Abonnementdienst der kommentierten Leseempfehlungen Anderer in 140 Zeichen.
Diese erste Definition ist normativ, sie betont den Aspekt der weg- und hinweisenden Funktion vieler Twittermeldungen, umfasst damit aber nicht alle Tweets.
Twitter ist ein Abonnementdienst der Kommentare Anderer in 140 Zeichen.
Diese Definition spielt auf die Rubrik “Kommentar der Anderen” der österreichischen Tageszeitung “Der Standard” an, ist aber auch ohne diese Referenz verständlich. Sie setzt jedoch ein umfassendes Verständnis von “Kommentar” voraus.
Twitter ist ein Abonnementdienst der maximal 140 Zeichen Anderer.
The naked truth.
Nach dieser definierenden Annäherung kann es nun konkreter werden.
Sag es in 140 Zeichen (oder weniger)
Das entscheidende Merkmal von Twitter und der größte Unterschied zu anderen sozialen Plattformen (v.a. zu Facebook) ist die Beschränkung. Jede Meldung bei Twitter, jeder Tweet, darf maximal 140 Zeichen lang sein.
Angesichts der Weite des Internets, das prinzipiell einen unendlichen Raum darstellt und bereitstellt, mutet diese Beschränkung antiquiert an. Sie erinnert an die Kosten pro Zeichen bei Telegrammen (seit Ende 2005 gibt es in Österreich übrigens das Telegramm nicht mehr), die Platzbeschränkung in gedruckten Medien und natürlich an die Länge einer SMS. Der Bezug zur Textnachricht ist der entscheidende in der Erklärung der Zeichenbeschränkung. Twitter war von Anfang an immer auch für die Nutzung über Mobiltelefone gedacht, es sollte stets möglich sein, immer und überall Tweets zu verfassen und die anderer Twitter-Benutzer zu lesen.
Die Verknappung der Zeichenanzahl bei Twitter zwingt zu einer präzisen Ausdrucksweise, es gilt in aller Kürze klar zu machen, was man mitteilen möchte. Eine Aufteilung längerer Botschaften auf mehrere Tweets ist zwar prinzipiell möglich, macht jedoch nur im Ausnahmefall wirklich Sinn, weil nicht gewährleistet ist, dass bei den Empfängern der Botschaften diese auch zusammenhängend nacheinander (ohne eine andere Botschaf dazwischen) ankommen. Auch für das Prinzip des Re-Tweetens (s.u.) sind Multi-Tweets alles andere als hilfreich.
Dass mit 140 Zeichen substantielle Aussagen möglich sind, bewies das Twitter-Team mit seiner Dankesrede beim South by Southwest (SXSW) Festival 2007: “we’d like to thank you in 140 characters or less. And we just did!”
Follow me!
Das Folgen auf Twitter bedeutet nichts anderes, als dass die Tweets eines anderen Twitterers auf der eigenen Twitterseite erscheinen. Auf diese Art abonniert man die Tweets beliebig vieler Personen, was für einen konstanten Fluß an Tweets sorgt.
Ökonomie des Verweisens
Durch die Beschränkung der Zeichenlänge wird das bloße Verweisen auf eine beliebige Webadresse zur ökonomischen Herausforderung. Da es keine Möglichkeit gibt, einen Linktext zu formulieren (hier oder da) bleibt als einziger Ausweg die Verwendung eines Kurz-URL-Dienstes, der einem die URL in eine möglichst kurze Form bringt. Der große Nachteil besteht naturgemäß im Verschwinden der Ziel-URL, praktisch jeder Link auf Twitter wird somit zu einer Überraschung, weil nicht ersichtlich ist, was sich hinter http://bit.ly/4QrGNj oder http://u.nu/5r834 verbirgt.
Jeder Nachteil hat auch einen Vorteil: die Ungewissheit des Linkziels setzt Vertrauen in den Absender des Tweets voraus. Wenn dieses Vertrauen durch einen unsinnigen Link enttäuscht wird, dann folgt daraus wohl die Verweigerung der weiteren Gefolgschaft.
Klienten der Oberfläche
Hier nur so viel: es gibt eine schier endlose Zahl an Möglichkeiten, Twitter anders als über die Twitter-Homepage zu nutzen. Angefangen von massgeschneiderten Smartphone-Anwendungen bis hin zu Desktopclients oder alternativen Webinterfaces bleibt kein Wunsch nach Vielfalt in der Interaktion mit dem Twitterversum offen.
Sonderzeichen in großer Form
Wiederum eine Tugend aus der Not der knappen Textlänge, zugleich Reminiszenz an Frühzeiten der Digitalisierung und Lehrbeispiel für die hohe Kunst des Brandens einzelner Zeichen.
Das @ Zeichen (sagt man noch “Klammeraffe”?) steht praktisch für Twitter-Adressen. Wo ein @ mit führendem Leerzeichen steht (und sich somit von jeder Email-Adresse absetzt) ist eine Twitter-Adresse gemeint. @highlyoverrated ist mein Twitteraccount, kürzer kann man nicht verlinken. Innerhalb von Twitter verlinkt man also einfach über Voranstellen des @ vor den Usernamen. Sehr effektiv.
Auch ein Revival durch Twitter erlebt die Raute #. Sie dient der Gruppierung von Tweets zu Themen und ist ähnlich durch Twitter belegt wie das @ – fast geniere ich mich noch von der Raute zu reden und nicht mehr vom Hashtag. Mit #thema werden Tweets verschiedenster Personen untereinander verbunden, sehr leicht aufspürbar durch die Twittersuche, visualisierbar auf einer Twitterwall, etc… In großer Form erlebt man Hashtags bei Live-Events, die auf Twitter gecovert werden. Kommentare in Echtzeit z.B. zu einem Kongress die oft unterhaltsamer und lehrreicher sind als z.B. ein Vortrag auf eben diesem Kongress.
Hashtags dienen auf Twitter auch jeglichem Tagging oder anderer semantischer Anreicherung. Metadaten also auch noch innerhalb der 140 Zeichen, reduziert aufs Maximum.
Ergänzungen, Anregungen etc gerne in den Kommentaren oder auf Twitter
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