Twitter ist nicht Journalismus und das Selbstverständliche ist nicht von selbst verständlich
Das Echtzeitweb verändert nicht nur die Kommunikation im virtuellen sondern auch das Verhalten im realen Raum.
In einem Beitrag bei Techcrunch zieht der Auto Paul Carr aus seinen Beobachtungen des Nutzungsverhaltens im Echtzeitweb einige interessante Schlüsse, die die gängige Meinung der Technikapologeten gegen den Strich bürstet. Als VIP-Gast bei einem exklusiven Konzert der Band Weezer sieht Carr die Parallelen zwischen den älteren Medienpromis im VIP-Balkon und den jugendlichen Fans im Parterre in der Handynutzung. Die Mitglieder beider Zielgruppen sind von Myspace auserwählt, die einen als Gewinner eines Preisausschreibens, die anderen dank ihres Promi- und Multiplikatorenfaktors. Und als verbindendes Glied zwischen beiden Gruppen identifiziert Carr die Nutzung des Echzeitwebs via Mobiltelefon. Die Mitglieder beider Gruppen machen Fotos und kommentieren ihre Anwesenheit beim exklusiven Event über Facebook und Twitter. Das Festhalten der eigenen Anwesenheit bei einem geheimen Ereignis bestimmt den Wert eines Ereignisses im realen Leben, das Mitteilen der Teilnahme am Konzert enthüllt ein Geheimnis und schafft den Mehrwert der temporären Mitgliedschaft in einer Schatzfindereinheit.
Die Mitteilung an die jeweils eigene Mikro-Öffentlichkeit generiert den Stolz auf die eigene Existenz an einem hier und jetzt wichtigen Ort und Ereignis und weckt den Neid der bloß zuhörenden, zusehenden, entfernt teilnehmenden Freunde und den Strom der Ich-Aktivität Verfolgenden.
Paul Carr zieht die Parallele zur gegenwärtigen Verfasstheit des ungeplanten Besonderen, des Unfalls oder der Katastrophe. Der dabei gefeierte und eingeforderte Bürgerjournalismus ist für ihn eine Überforderung der aktiv sich einbringenden Laienreporter, die angesichts der vor ihnen liegenden Berichterstattungspflichten auf Hausverstand samt Hilfeleistung vergessen würden.
Klassische Reaktionen
In den Kommentaren zu seinem Artikel erntet Carr eine Unmenge an Verachtung und Abfälligkeiten, einiges an qualifizierter Auseinandersetzung und auch eine der klassischen gegenwärtigen Antworten auf das Phänomen “Soziale Medien”:
Twitter is not journalism.
Nein, Twitter ist nicht Journalismus. Natürlich nicht. Twitter ist nicht Journalismus, weil nur Journalismus Journalismus ist. Twitter ist aber auch nicht per se nicht Journalismus, weil Journalismus auch mit/über/in Twitter möglich ist und laufend geschieht.
Twitter ist, wie andere soziale Medien, ein Werkzeug, und wie bei allen Werkzeugen ist der Gebrauch des Werkzeuges entscheidend. Die Beschränkung Twitters auf die Länge einer SMS hat etwas entschieden journalistisches, sich kurz zu fassen ist eine Kunst, die auch gelernt werden will. Was im Printbereich aus der Logik des begrenzten physischen Raumes einer Zeitungs- oder Magazinseite und bei Twitter aus der fast schon antiquiert zu nennenden Zeichenbegrenztheit des SMS-Standards resultiert, schafft die Chance für eine Beschränkung auf das Wesentliche, für einen Transport der Essenz, für den Sorgfaltsblick auf das entscheidende Moment einer Nachricht, eines Kommentars oder eines Ereignisses.
Dass der Raum auch für das Banale und Triviale ausreicht, ist nachvollziehbar und völlig selbstverständlich. Die Aufmerksamkeit des Publikums kann sich dorthin richten, wo sie sich gestillt fühlt.
Dass einem sich permanent befragenden Interesse über Twitter sehr befriedigend nachgegangen und eine Erweiterung des Horizonts fortlaufend geschehen kann, dafür sorgen viele auch journalistisch geprägte Twitterer (oder “Twitteranten” wie eine Wortschöpfung im Zuge der unsäglichen Meerschweinchendebatte im österreichischen Mikrokosmos der Mediendebatte lautete) und Follower.
Nein, das Medium Twitter ist nicht Journalismus, aber in Twitter ist ein gutes Stück Journalismus möglich. Und das ist großartig.
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