Vom Lesen und Schreiben im Web
Das Web ist das Leitmedium unserer Zeit. Verstärktes Augenmerk auf Typographie und erhöhte inhaltliche Sorgfaltspflicht sind notwendig, um sein volles Potential auszuspielen.
Das Web. Wir schreiben das Jahr 18 seiner Existenz. Unendliche Breiten in voller und hoher Definition, die noch nie zuvor ein menschliches Auge gesehen hat, rücken Texte aller Art in ein gerades, schier endloses Licht.
Wenn das Web zu 95% Typografie ist, wie es jüngst eine japanische Untersuchung erhob, dann ist der Befund des Entwicklungsgrades fürs Web ein in der Tat ernüchternder.
Dabei ist das geschriebene Wort der zentrale Baustein des Webs, das noch in seinem Quelltext aus ebendiesem besteht. Dieser Open Source ist für Mensch und Maschine lesbarer Text, der dank in (und nach) der Regel strukturierter Beschaffenheit leicht lesbar ist, was in einer aufgeräumten Ansicht in einem zeitgemäßen Texteditor augenscheinlich wird. Die Schönheit des Codes tritt zutage.

Closed Source hingegen ist für Menschen nicht lesbar, Maschinensprache eben.
Struktur im Unterbau
Der aufgeräumte Unterbau führt zu einem grundsätzlichen strukturierten Aufbau des Textes (und integrierter anderer Elemente wie stehender oder bewegter Bilder) – Überschriften werden in logischer Abfolge verfasst, Absätze, Listen, Tabellen oder Zitate haben ihren Auftritt. Die webstandardisierte Bauordnung stellt mit CSS den zentralen Werkkasten zur visuellen Gestaltung bereit. Damit gabelt sich für die Präsentation die Ansicht des Textes endgültig von der Ansicht des Quelltextes ab.
Adressat: Autor oder Leser
Für den Quelltext übernimmt primär der Editor (oder der Hybrid des “Quelltextbrowsers”) die Anzeige für einen Autor (und auch der Betrachter eines “fremden” Quelltextes ist in der Regel zugleich ein Autor) und gibt diesem neben Konventionen der Hervorhebung durch Farbe oder Einrückung auch diverse Möglichkeiten der individuellen Aneignung des Quelltextes, wie etwa die Option des Zeilenumbruchs am Bildschirmfensterende oder des Einklappens zusammengehörender Quelltextteile.
Für den eigentlichen Inhalt übernimmt das Webdesign die meisten Aspekte der Präsentation. Adressat ist der Surfer, User, Nutzer – oder präziser: Leser, der mit dem Browser seinen Zugriff auf den Text vornimmt.
Design für den Leser
Die Präsentationsschicht kann eine Reihe lesbarkeitsrelevanter Einstellungen vornehmen, Positionierung von Elementen, Spaltenbreite (fixierte oder variable Größe), Schriftgröße, Schriftart (in Bezug auf am Endrechner installierter Schriftarten, was eine massive Einschränkung bedeutet) als die relevantesten. Eine Reihe an gewohnter Standards der Gutenberggalaxis stehen jedoch im Web nicht von Haus aus zur Verfügung, was sich im Sinne hochwertiger Textpräsentation schmerzlich bemerkbar macht. Hier sind vor allem die fehlende Silbentrennung und die fehlende Möglichkeit beliebige Schriftarten einbetten zu können die Stolpersteine. Auch die Unterstützung für automatische mehrspaltige Anzeige (wie man sie in diesem Blog in Kombination mit Silbentrennung finden kann [beschränkt auf Firefox + Safari; nicht im IE]) und das von Satzsystemen (und damit aus dem Buch- und Zeitschriftendruck) gewohnte Kerning fehlen unangenehm.
Lesen am Bildschirm
Wozu führt das?
Zum Vorurteil, dass Text am Bildschirm schlecht zu lesen sei. Schlecht übersetzt sich hier mit unangenehm, was auf physiognomischen Voraussetzungen der menschlichen Wahrnehmung beruht, der Quelle der über Jahrhunderte entwickelten typographischen Erkenntnisse und Praktiken.
Es ist angenehmer und leichter, wenn alle Zeilen eines Textes die gleiche Länge haben (Blocksatz) und wenn die Abstände zwischen den Wörtern ebenfalls möglichst gleich lang sind (somit die Notwendigkeit der Silbentrennung und des Kernings). Ziel muss es sein, die aus der Printwelt gewohnte hohe Lesbarkeit auch im Web anzustreben.
Die Schriftform ist ein Initial-Impuls jedes Mediums, sie formt das allererste Konzept entscheidend mit, das sich Betrachter von einer Gestaltung bilden – und damit potenziell von der Wertigkeit des Auftritts insgesamt.
Die gefühlte Lesbarkeit von Martin Liebig
Das Vorurteil wird auch noch von anderer Seite genährt, nämlich aus der Struktur (fehlend oder irreführend) des Textes und schliesslich aus der Qualität des Geschriebenen. Sorgfaltspflichten eines jeden Autors gegenüber seinen Lesern.
Gerade angesichts der unendlichen Textproduktion im Internet hätte verstärkt zu gelten, dass ein jeder Text ein Thema abschliessend erledigen oder zusammenfassen müsste, im Sinne des idealtypischen book to end all books.
Sinn und Unsinn von Copy and Paste
Kopieren und Einfügen hat eine Berechtigung bei Zitaten, die von einem Verweis auf die Quelle begleitet werden. Der Verweis kann jedoch nicht ohne weiteres auf eine bestimmte Stelle eines fremden Textes gesetzt werden, in der Jetztzeit sind Webseiten nicht von Haus aus multi-Autoren- bzw. anmerkungsfähig. Es gibt, ausgehend vom Grundgedanken Berner-Lees Überlegungen und Unternehmungen in diese Richtung, auch getrieben durch SocialMedia Welten, wo Diskussion viele Orte kennt.
Kopieren und Einfügen hat jedoch keine Berechtigung in der massenhaften Textproduktion etwa beim Großteil der Online-Medien, die am Tropf der Nachrichtenagentur hängend in endlosen Beispielen dutzendweise idente Artikel produzieren und verteilen, denen ein Mäntelchen der Originalität als Reminiszenz einer Printmarke anhängt.
Professionell redigierte und kompilierte Artikel hingegen sind das Werk eines Autors und nicht eines “Contentsklaven”.
Ausblick
Das Bestreben muss sein, die Qualität des Textes im Web zu erhöhen. Dies geschieht durch verstärkte Auseinandersetzung mit der typographischen Präsentation (was auch neuer Standards der Browerunterstützung bedarf) und durch autorenzentrierte Textproduktion.
Für beides kann der vielgescholtene Totholzclub entscheidende Referenzen liefern.
Der Reifungsprozess des Mediums wird auch neue Geschäftsmodelle und -möglichkeiten liefern (wie etwa eine Auseinandersetzung mit der Einbettung großflächiger, nicht als störend empfundener Werbung), und eine nachhaltig befruchtende Leselandschaft im Web etablieren.
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