Einleitung
Eine Diplomarbeit mit ihren 114 Seiten ins Internet zu "stellen" (wie ins Regal des grossen Archivs) bringt neben vielem anderen (z.B. der gesteigerten Verfügbarkeit) das Problem der veränderten Rezeptionsmöglichkeit mit sich. Ein so langer Text ist nicht per se bildschirmgerecht und ist nicht per se ein Hypertext (immerhin, Fussnoten hat er).
Um den Punkt ins Auge zu fassen:
Ich denke, es kann hilfreich sein, zum Text der Diplomarbeit einen kurzen Text hinzuzustellen, der für ungeduldige Leser - im worst case scenario - die Lektüre des Ur-Textes ersetzen mag. Natürlich verfügt die Diplomarbeit in ihrer Printvariante über eine Art Einleitung, eine Hinführung zum Thema ( Kapitel 1), aber die ist erstens auch nicht so kurz, und zweitens nicht exakt das, was mir jetzt als vorstellender Text vorschwebt.
Was also schwebt mir vor?
Ein Text, der nach Abschluss der Diplomarbeit, nach Benotung als akademischer Arbeit, als Nachbetrachtung und zugleich als Ausblick das Thema samt Motivation und Gedankengängen erläutert.
So in etwa.
Unakademische Nachschrift
In Mirror Worlds, einem "popular book" (ohne es gelesen zu haben übersetz ich dies mit: Popbuch; Zitat eines Zitats) des Computerwissenschaftler David Gelernter (1991), wird als unausweichliche Entwicklungsstufe der Computertechnik ein grosses Computersystem imaginiert, das eine Spiegelwelt der realen Welt bildet und sprichwörtlich die gesamte reale Welt abbildet, enthält, verdoppelt. Gelernter gewinnt dieser Imagination utopische Züge ab und sieht ein technoid-aufgeklärtes Paradies absoluter Transparenz und demokratischer Allwissenheit hereinbrechen. Der prinzipiell jedem mögliche Blick auf die Welt als Ganzes (vermittelt in der Spiegelwelt) nennt Gelernter topsight:
If insight is the illumination to be achieved by penetrating inner depths, topsight is what comes from a far-overhead vantagepoint, form a bird's eye view that reveals the whole - the big picture; how the parts fit together.
Dieses Zitat aus Mirror Worlds (in: Agre 1997, S.43) benennt sehr präzise ein Grundmotiv des zentralen Buchs für meine Diplomarbeit, Das Untier von Ulrich Horstmann. Topsight, der Blick von oben auf das Ganze, the big picture, die Erkenntnis was die Welt zusammenhält (im Innersten wie im Äußersten?), romantisch angehaucht mit Vogel's Augen oder modernistischer mit technischer Metapher (Horstmann bemüht z.B. ein Raumschiff) - das trifft sehr gut ein starkes Motiv des Horstmannschen Denkens (als Horstmann ist Horstmann abgekürzt im folgenden und weiteren). Und da Das Untier ein klassisch apokalyptischer Text ist, gibt es drei Varianten dieses Blicks von oben, drei Varianten, die dem apokalyptischen Zeitschema entsprechen, das mit einer ersten Linie durch die Welt ("das Ganze") drei Bereiche bestimmt:
Gestern, heute, morgen.
(Eine zweite Linie steht senkrecht zu dieser horizontalen Zeitschiene und schneidet diese ab, beendet sie. Jenseitige Ewigkeit am Ende aller Zeiten.)
Für dieses dreiteilige apokalyptische Schema gilt:
|
Generell |
bei Horstmann |
Gestern |
moralisch verderbte Zeit von langer Dauer, Gründe für kommende Änderungen sind hier zu finden |
Ursünde: Leben ensteht, Beginn schier endlosen Leidens durch unbewusste Bemühungen wieder ins Anorganische zurück zu gelangen |
Heute |
Verkündung der Änderungen, Erwartung und Gewissheit des baldigen Eintritts derselben |
Atomare Waffentechnik der Menschheit ermöglicht Annihilierung; verschüttete Tradition des anthropofugalen Denkens tritt zutage (im Propheten Horstmann) |
Morgen |
Änderungen finden statt (naturgemäß: Katastrophisch) und beenden die horizontale erste Linie |
Overkill findet als bewusster Akt der Rücknahme des Lebens statt (ideale Variante) bzw. als zwangsläufige Folge der Technik (Unfallvariante) |
Für das daran anschliessende (und abschliessende) einteilige Schema gilt:
Generell |
bei Horstmann |
Paradiesischer Zustand der Fülle, völliger Transparenz, Ewigkeit, Herrschaftsmodell in Perfektion |
Lebloser Planet Erde in mondgleicher steinerner Harmonie |
.... more to come !!
stories von kant, derrida, latest news von der männlichen trauercommunity und weltschmerzfraktion...
"Woraus denn folgt: daß ein Ausrottungskrieg, wo die Vertilgung beide Teile zugleich und mit dieser auch alles Rechts treffen kann, den ewigen Frieden nur auf dem großen Kirchhofe der Menschengattung stattfinden lassen würde. Ein solcher Krieg also, mithin auch der Gebrauch der Mittel, die dahin führen, muß schlechterdings unerlaubt sein."
- spricht der Polizist im Reich der Wissenschaften
Update Juli 2002
Nach einigen Wochen offline - der Uni-Account ist schliesslich und endlich ausgelaufen - kommt die Diplomarbeit wieder online.
Die Domain www.highlyoverrated.info nimmt den Titel der Diplomarbeit auf und das kann ja kein Zufall sein, oder?
|
|