1. kingdom come
2. the curtain has fallen
3. join the great majority
4. give up the ghost
life is a highly overrated phenomenon
5. be given a gentle push
6. the great adventure
Literaturverzeichnis samt Linx
Inhaltsverzeichnis und Gästebuch



4.3.3. Leerstelle Auschwitz


4.  give up the ghost - Denklust
4.1.  Der Freier und die Frauen
4.2.  Der Abenteurer
4.3.  Der Überlebende
4.3.1.  Eine Annäherung mit Nietzsche
4.3.2.  Der Überlebende des Nicht-zu-Überlebenden
4.3.3.  Leerstelle Auschwitz
Das zuletzt angeführte Horstmann-Zitat bedarf einer nochmaligen Betrachtung. Vor allem der letzte Satz dieses Zitats scheint untersuchenswert: "als Nutznießer jenes Weitblicks und jener Fürsorge, mit der sich in der Apokalypse noch die Toten der Überlebenden annehmen werden" (Horstmann 1983, S.70). Ich möchte hinter die grelle Rhetorik dieses Satzes blicken und den Text in Hinblick auf den zugrundeliegenden Horstmannschen Gedankengang befragen.

Ich denke bei diesem Satz an die große Leerstelle in den Horstmannschen Texten: An die Tatsache, dass die ,näheste analoge menschliche Handlung, die wir in der Geschichte finden können, um unsere Gedanken über den Omnizid darauf zu gründen, der Genozid ist" (Bertell 1996, S. 22). Und dabei v.a. der Holocaust während des ,zweiten Vorbereitungskrieges" (Horstmann 1983, S. 60). Nimmt man diese Metapher ernst, dann stellt sich die Frage, was und welche Weise im Weltkrieg vorbereitet wurde. Neben den generellen kriegstechnischen Fortschritten, auf die ich in Kapitel 6 zu sprechen kommen werde, wurde im prototypischen Experimentierfeld des Nationalsozialismus, im KZ, die Auslöschung von Menschen durchexerziert. In den KZs geschah mit Millionen von Menschen, was in der vorgestellten atomaren Apokalypse mit allen Menschen geschieht: Sie hörten auf zu existieren im weitestmöglichen Sinne, nämlich nicht nur Gegenwart oder Zukunft, sondern auch Vergangenheit betreffend. Sie wurden ausgelöscht, und hatten dann nie existiert. Keine Erinnerung an sie bleibt erhalten, jede physische Spur wird verwischt (empirisch lässt sich dies z.B. am Umgang des NS-Regimes mit der Asche aus den Krematorien der Vernichtungslager belegen, die zum Verschwinden gebracht wird 91). Dieses Nie-existiert-haben ist ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal der kupierten Apokalypse gegenüber der klassischen judäo-christlichen, die ein Danach, eine Wiederauferstehung kennt 92.

Wie lief die Vernichtung im KZ konkret ab?
Der physischen Vernichtung im KZ ging eine juristische Auslöschung voran, die auf Entmenschlichung abzielte und die die zu Vernichtenden auf einen quasi-biologischen Status assimilierte. Die erste große Tötungsaktion des Nationalsozialismus, die sogenannte Euthanasie-Aktion, betraf dementsprechend konsequent mit psychiatrischen Patienten Menschen, die nicht im vollen rechtlichen Sinne vertragsfähig waren. Die NS-Gesetzgebung sprach in Folge zuerst deutschen Juden im Ausland die Staatsangehörigkeit ab, 1938 auch den Juden in Deutschland. Das Entziehen der Staatsbürgerschaft aller Angehörigen "artfremden Blutes" dient den Nationalsozialisten als Beweis für die Überflüssigkeit der auf diese Weise staatenlos Gemachten (vgl. Meschnig 1995, S. 73f).

Diese Entrechtlichung, die v.a. ein Absprechen des Status Mensch bedeutet, muss als Vorbedingung der KZ gesehen werden, denn nur damit kann in den KZ das Programm der völligen Auslöschung verwirklicht werden. Die KZ haben nicht die Funktion der Bestrafung juristisch definierter Verbrechen 93 , sondern dienen der völligen Auslöschung einer rassisch definierten Bevölkerungsgruppe.

Eine weitere Stufe in diesem Prozess des Zum-Verschwinden-bringens ist die Beseitigung der moralischen Person der Lagerinsassen. Ein System des Vergessens wird installiert, in dem nicht einmal der eigene Tod noch etwas Individuelles bezeichnen darf. Die Zahl der Selbstmorde in den Lagern ist im Vergleich zur Zahl der Toten verschwindend gering. Dies hängt auch mit den geringen praktischen Möglichkeiten zur Durchführung eines Suizids zusammen. Jeder erkennbare Selbstmordversuch wird vereitelt, so werden etwa Häftlinge, die in den Elektrozaun springen wollen, von der SS erschossen. Die wenigen stattfindenden Selbstmorde werden von der SS genau dokumentiert, "als ob das Staunen über diesen letzten Rest an individueller Aktivität verschriftlicht werden hätte müssen"(Meschnig 1995, S. 74). Die letztmögliche individuelle Tat, der Selbstmord, wird den Gefangenen, die de iure und auch de facto längst nicht mehr am Leben sind, verunmöglicht. Die völlige Auslöschung individueller Existenz von noch Lebenden macht ,zum ersten Mal in der Geschichte Märtyrertum unmöglich" (Arendt, zit. bei Meschnig 1995, S. 73f). Der Anspruch der Macht erstreckt sich nicht mehr nur auf das Vollstrecken des Todesurteils (vgl. dazu diese Passage im Kapitel zu Canetti ) sondern auch auf das Leben selbst. Die Bio-Macht im Sinne Foucaults verurteilt auch zum Leben. Das Leben darf nicht durch einen individuellen Akt beendet werden, es darf nur auf eine ganz bestimmte Art und Weise zum Verschwinden gebracht werden 94.

Eine weitere Drehung erhält die totalitäre Vernichtung durch die Organisationsstruktur der Lager, die darauf abzielt, den Unterschied zwischen Henkern und Opfern zu verwischen. Exemplarisch lässt sich dies an den Sonderkommandos in Auschwitz zeigen, wenn jüdische Häftlinge zu bestimmten Arbeiten in den Krematorien herangezogen werden. Doch auch Gefangene, die nicht direkt in Verbrechen hineingezogen werden, verspüren die stille und organisierte Komplizität, die alleine schon aus dem Faktum des Noch-am-Leben-seins entspringt. Diese Komplizenschaft mit dem Terror endet auch nicht nach 1945, wie Primo Levi festhält:

Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit: Wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glücks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben." (Primo Levi, zit. bei Meschnig 1995, S. 74)

Canettis Kategorie des Überlebenden zeigt sich hier in einer ihrer schrecklichsten Ausformungen. Die unschuldig Bestraften überleben als Schuldige.

Hannah Arendt hat 1951 in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" die These vertreten, dass die eigentliche Utopie des Nationalsozialismus nicht in der Umgestaltung äußerer Bedingungen menschlicher Existenz oder der revolutionären Neuordnung der Welt kulminierte, sondern in der "Transformation der menschlichen Natur selbst" (zit. nach Meschnig 1995, S.72). Das KZ als die eigentliche zentrale Institution der totalen Macht ist das Labor dieser Verwandlung, in dem anhand bestimmter Kategorien von Menschen vorexerziert wird, wie totale Kontrolle über Menschen installiert wird. Das letztliche Ziel ist die vollständige Entmenschlichung und Auslöschung.

Bevor die auf den nackten Leib und das nackte Leben reduzierten Menschen aber der Vernichtung in den Gasöfen anheimfallen, stehen sie z.B. für medizinische Experimente zur Verfügung. Die quasi-experimentelle Situation des Lagers erzeugt Menschen, die nur noch sind, die für totale Herrschaft und totalen Zugriff bereitstehen. Jede Definition einer ,Natur des Menschen" wird hinfällig, weil Menschen in bisher unvorstellbaren Experimenten beliebig manipuliert und transformiert werden können. Jedes Experiment der Humanwissenschaftler am "Lebendfrischen Material" erbringt stets den Nachweis, dass es sich nicht um Menschen sondern um nackte, tote bzw. totgeweihte Materie handelt. Die Auslöschung geschieht so auch im Namen einer erkenntnisgewinnenden Wissenschaft, die eine neue Art von Leben auf den Weg bringt.

Auschwitz bedeutet so im vollsten Sinne des Wortes den "Tod des Menschen', das Aufhören einer wie immer formulierten und anerkannten Definition, das Verschwinden aller Sicherheiten und bisherigen Überzeugungen" (Meschnig 1995, S. 74).

Der "Tod des Menschen" fällt mit den Toden der Menschen zusammen. Die Auslöschung der jeweils einzelnen Menschen geschieht im Namen einer Verbesserung des Menschen. Die Juden werden vernichtet, weil sie als Bedrohung für den deutschen Volkskörper verstanden werden (der sich nicht zuletzt mittels dieser Gegenübersetzung erst konstruieren lässt). Die "Endlösung der Judenfrage" ist in dieser Logik eine reine Notwehrmaßnahme der Volksgemeinschaft. Das entsprechende Programm formuliert Himmler: "unsere Aufgabe geht ins Menschenzüchterische" (zit. bei Meschnig 1995, S.72).
Dabei ist ein Prozess im Gange, der aus einer Auslese besteht, bei der es ,niemals einen Stillstand geben kann" (Himmler, zit. bei Meschnig 1995, S. 75). Im KZ wird bei der Vernichtung der Juden vorexerziert, dass jeder einzelne Mensch überflüssig gemacht und zum Verschwinden gebracht werden kann. Diese produzierte und proklamierte Überflüssigkeit dehnt der Nationalsozialismus gegen Ende des 2. Weltkriegs auch auf die eigene Existenz aus, was etwa in dem berühmten Nerobefehl Hitlers zu Kriegsende deutlich wird (vgl. Meschnig 1995, S.75). Darin kulminiert die Tendenz der permanenten Entwertung der Gegenwart, die von dem Ausleseprozess letztlich niemand ausnimmt. Endpunkt der totalitären Herrschaft ist eine tatsächlich völlige Beliebigkeit der Opfer, bis hin zur Selbstopferung.
Als Endstadium intendiert ist ein zukünftiges, von der Gegenwart qualitativ unterschiedenes Drittes Reich, das Erlösung (vom Bösen, das die Juden verkörpern, sowie generell vom Leid, das die Welt bedeutet) bringen soll. Die ,politische Religion des Nationalsozialismus" (Bärsch 1998) erfüllt so weitgehend das Schema der biblischen Apokalypse. Auch das Programm der Apokalypse strebt nach Entlebendigung, die neuen Leiber nach dem Jüngsten Tag sind immaterielle Geistformen 95 , und das Neue Jerusalem meint einen im Vergleich zum Irdischen gänzlich unterschiedlichen Ort.

Dieses kursorische Eingehen auf den Themenkomplex des Konzentrationslagers zeigt m. E. sehr gut die Verbindung des Feldes "Tod des Menschen" mit der realen Produktion von toten Menschen. Horstmann lehnt ja Foucaults Rede vom "Ende des Menschen" ab und ersetzt sie durch seine Theorie vom Gattungssuizid (vgl. dazu Kapitel 6.3 dieser Arbeit). Horstmann wischt mit dieser hyperrealistischen Theorie entscheidende Differenzierungen vom Tisch. Indem er die Untersuchung des Themas Mensch ablehnt, kann er etwa diverse Änderungen, die sich in der Konzeption desselben ergeben, nicht entsprechend einordnen, obwohl sie ihm durchaus auffallen. Die von ihm so hochgelobten Biowaffen signalisieren etwa einen weitreichenden Umbau des genetisch aufgefassten Konzepts Leben 96. Ebenfalls unter den Tisch fallen jegliche Fragen nach Machtverhältnissen, da Horstmann von einem blinden, unbewussten Grundantrieb ausgeht, der für ihn völlig außer Frage steht. Dabei zeigt gerade die Untersuchung der Auslöschungsvorgänge im Dritten Reich, dass von einer feststehenden Natur des Menschen keine Rede sein kann, sondern dass vielmehr das KZ ein Modell eines Labors zur Herstellung anderer Arten von Natur darstellt. Dieser Umbau geschieht unter massiven Machtverhältnissen, die nicht zuletzt durch den Verweis auf die angebliche bzw. eigentliche Natürlichkeit des Vorganges verschleiert und legitimiert werden sollen. Die Ausrottung der Juden geschieht im Namen der Natur, und ich denke nicht, dass die Nazis damit den Begriff Natur missbräuchlich verwenden. Der Begriff der Natur (wie auch der Begriff Leben) zementiert eine bestimmte, konstruierte, machtbesetzte Norm als ursprüngliches, unverrückbares Prinzip ein 97. Im Nationalsozialismus wird so die Rassenlehre zum ewigen Gut-Böse Antagonismus, und das letzte Gefecht gilt der Zerstörung des Bösen 98. Mit der natürlichen Begründung erfolgt so die Rückkoppelung zu einem metaphysischen Prinzip als letztem Grund, das in keiner Weise hinterfragt oder angezweifelt werden kann.

Horstmann vermeidet des weiteren jede explizite Äußerung zur sogenannten ,jüngeren deutschen Geschichte", um seine Theorie nicht in Faschismusverdacht geraten zu lassen. Die lapidare Floskel von den beiden Vorbereitungskriegen gibt dafür allerdings schon hinlänglich Anlass. Mit einer solchen Titulierung reiht Horstmann die beiden deutschen Welteroberungsversuche in die vernünftige Geschichte der Vollendung des Gattungsplanes ein. Im atomaren Schlagabtausch zwischen den Großmächten der 1980er Jahre, USA und UdSSR, würde sich gleichsam der deutsche Heilsgedanke einer totalen Götterdämmerung vollstrecken. Im apokalyptischen Phantasma der völligen Destruktion realisierte sich der totale Macht- und Beherrschungsanspruch.

4.  give up the ghost - Denklust
4.1.  Der Freier und die Frauen
4.2.  Der Abenteurer
4.3.  Der Überlebende
4.3.1.  Eine Annäherung mit Nietzsche
4.3.2.  Der Überlebende des Nicht-zu-Überlebenden
4.3.3.  Leerstelle Auschwitz
Wie anhand der Funktion der Konzentrationslager angedeutet, bedeutete für den Nationalsozialismus die Errichtung der totalen Herrschaft in einer letzten Konsequenz auch den eigenen Untergang 99 : Die Beliebigkeit, mit der sich die totalitäre Herrschaft ihre Opfer erzeugte, kannte keine Grenzen. Das Ziel der höchsten Machtfülle bestand darin, alle Menschen gleichermaßen überflüssig machen zu können. Die nationalsozialistische Theorie und Praxis strebt nach einer Selbsterlösung, die einem apokalyptischen Schema folgt: Die Gegenwart wird zugunsten einer Zukunft stark entwertet, die Zeit der Krise bis zum Eintritt in das paradiesische Tausendjährige Reich (das wesentlich ein zukünftiges ist) muss durch einen finalen Kampf gegen das Böse (für das die Juden gehalten werden) überwunden werden. Das Selbstverständnis des Nationalsozialismus speist sich aber zentral aus der Definition als Gutem gegen das Böse, benötigt somit stets ein klares Freund-Feindschema (vgl. Bärsch 1998, S.131 ff). Der anvisierte Endzustand ist aber gerade durch das Fehlen dieses Gegensatzes gekennzeichnet, schließlich muss das Böse ein für allemal besiegt werden, um das Paradies möglich zu machen. Dieses Paradies kann für den Nationalsozialismus dann aber nur eine letzte Ruhestätte bedeuten, denn schließlich war es der Kampf gegen das Böse, der ihn am Leben hielt.
Eine solche Vision eines finalen Stadiums jenseits des Gut-Böse Dualismus formuliert Horstmann im Untier - allerdings nicht in direkter Nachfolge des Nationalsozialismus, jedoch auch nicht in völliger Distanz dazu.




Fußnoten

91. Bei Greif (1995) findet sich anhand von Augenzeugenberichten der jüdischen Sonderkommandos die detaillierte Beschreibung der Vorgänge bei der Verbrennung der Menschen in Auschwitz. Neben der Asche waren die Knochen das problematische Restprodukt bei der Verbrennung. Anfangs wurden diese vergraben, später jedoch durch Angehörige der Sonderkommandos wieder ausgegraben und zu Staub und Asche zerkleinert. Die gesamte Asche wurde dann regelmäßig in die Weichsel geschüttet (vgl. Greif 1995, S.XXXV f, S.185 f, S.242).
Diese Praxis in Auschwitz ist unter verschiedenen Blickpunkten analysierbar: Einerseits war es für das Lagermanagement ein logistisches Problem mit der schieren Menge der stofflichen Reste fertig zu werden, andererseits ging es darum, angesichts der sich klar abzeichnenden Niederlage des NS-Regimes keine physischen Beweise für Kriegsverbrechen zu hinterlassen. Darüberhinaus, und das ist der mir wichtige Punkt, war die vollständige Auslöschung der vernichteten Menschen exakt das Durchexerzieren des absoluten Machtanspruchs des Nationalsozialismus. Die Herstellung des Nichts anstelle realer Menschen wurde in der Praxis der Konzentrationslager verwirklicht. Die Vernichtung betraf nicht nur die präsentische Existenz der Menschen (das durch Ermordung beendete Leben), sondern zuvor schon das Prädikat Leben: Das Absprechen des Menschseins als Rückstufung ins Tierische, letztlich Materielle. Und der letzte Rest physischen Vorhandenseins, die Asche, wurde auch zum Verschwinden gebracht. Es sollte keine Erinnerung an die vernichteten Menschen möglich sein. Schließlich war die Idealvorstellung die Herstellung eines Zustandes, in dem die vernichteten Juden nie existiert hatten.
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92. Mir scheint allerdings der Unterschied zwischen der christlichen Apokalypse und einer kupierten/säkularisierten/menschgemachten Apokalypse in Hinsicht auf das Danach nicht allzu groß zu sein. Die detaillierte Beschreibung des Himmlischen Jerusalem in der Apokalypse des Johannes erinnert an einen totalitären Ort der Überwachung. "und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes... denn Nacht wird dort nicht sein" (Apk 21,25). Die Ausschmückung der Stadt mit Juwelen und Perlen macht sie zu einem kalt glitzernden Panoptikum, das einem totalitären Lager ähnelt. Lawrence hat genau dies klar erkannt und die eigentliche Schreckensbotschaft der Apokalypse nicht in den Zerstörungsorgien, sondern in der finalen Gottesstadt gesehen.
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93. Meschnig (1995) verweist auf die Hierarchie innerhalb der Internierten in den Lagern, die von sogenannten ,Berufsverbrechern" und politischen Häftlingen angeführt wird, die im Gegensatz zu den aus rassischen Gründen inhaftierten Juden bis zu einem bestimmten Grade noch juristische Personen mit einem Wissen über begangene oder vorgeworfene Taten blieben (Meschnig 1995, S. 73).
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94. Ein ehemaliger Angehöriger des Sonderkommandos schildert den trotz allem vorhandenen Lebenswillen der Gefangenen: "Wenn man nicht schuldig wurde, hatte man keinen Grund, sich selbst umzubringen, man wollte leben. Die Menschen wollten leben, selbst wenn sie überhaupt keine Chance hatten" (Greif 1995, S.247).
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95. Zwar wartet das Christentum mit zahlreichen detaillierten Beschreibungen des Jenseits auf, die fundamentale Frage nach der körperlichen Verfasstheit der Menschen nach der allgemeinen Wiederauferstehung wurde aber nie zur vollen Zufriedenheit der zurecht naiv Fragenden geklärt. Wenn das Jenseits zeitlos gedacht wird, dann ist natürlich die Frage nach dem Alter des Leibes, mit dem man wiederaufersteht, eine berechtigte. Schließlich bleibt die Ewigkeit, auch wenn sie zeitlos ist, eine endlose Sache (oder besser: weil sie zeitlos ist, ist sie endlos), und deshalb kann nur ein neuer junger Leib verlockend sein. Wird dieser Leib aber Erinnerungen haben, Erfahrungen kennen, gereift sein, etc.? Wohl kaum, weil er seine formlose Form jenseits der Zeit erhalten hat/wird.
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96. Für Sloterdijk liegt es 1999 auf der Hand, "dass die Gegenwart von einem gewaltigen Kränkungskomplex durchzogen wird, den man den kybernetisch-biotechnischen nennen könnte" (Profil 41, 11.10.1999; S. 168f). Horstmann hat m.E. wesentlich früher auf denselben Sachverhalt abgezielt, ihn allerdings nicht so klar beim Namen genannt sondern seiner atomaren Apokalypse untergeordnet.
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97. Diese verschleiernde Argumentationsfigur, die einen Setzungsakt als natürlichen Ursprungsvorgang tarnt, hat beim zentralen Thema der Geschlechtertrennung Butler (1991) beschrieben. Butler unterscheidet zwischen sex und gender als verschiedenen Formen der Geschlechtsidentifizierung und hinterfragt auch die bipolare Kategorie des biologischen Geschlechts (sex) als eine konstruierte und nicht gleichsam gottgegeben feststehende.
Wichtig festzuhalten ist die Funktionsweise des natürlichen Arguments: Ein konstruierter Sachverhalt wird als ahistorisches, überzeitliches, selbstentstandenes, ursprüngliches Naturprinzip nicht argumentiert sondern behauptet, und die Behauptung als solche wird durch die scheinbar autonome Natürlichkeit zum Verschwinden gebracht.
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98. Dabei kommt es zu einer Umkehrung von Töten und Heilen: "die Liquidierung von Juden und "untermenschen' ist ein notwendiges Element innerhalb einer Therapie, die den Volkskörper vor Verunreinigung und Verschmutzung schützen soll. Im Rahmen einer rassenhygienischen Vision erscheint der Massenmord als ein heroischer Akt innerhalb einer Mission, die zu erfüllen ist, will man nicht selbst untergehen" (Meschnig 1995, S.76).
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99. Der Untergang des NS-Regimes fand ja tatsächlich statt, nur nicht unter den erwünschten Vorzeichen, nämlich nicht als krönender Untergang der Welt. Wenn man das Verlieren des Krieges wörtlich nimmt, dann kann man Horstmanns Untier auch als Versuch einer Wiedererlangung des Krieges lesen.
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1. kingdom come 2. the curtain has fallen 3. join the great majority 4. give up the ghost 5. be given a gentle push 6. the great adventure Literaturverzeichnis samt Linx Inhaltsverzeichnis und Gästebuch
life is a highly overrated phenomenon
Zur Theorie des männlichen Weltuntergangs bei Ulrich Horstmann

Diplomarbeit von Thomas Jöchler © 2000